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Muss- und Kann-Anforderungen

Muss-Anforderungen sind Qualifikationen oder Erfahrungen, die eine Stellenanzeige als zwingend voraussetzt, während Kann-Anforderungen wünschenswerte, aber nicht zwingend erforderliche Zusatzqualifikationen beschreiben. Die Unterscheidung hilft bei der Einschätzung, ob sich eine Bewerbung trotz nicht vollständig erfüllter Anforderungsliste lohnt.

Stand: 24.07.2026

Ob sich deine Bewerbung trotz Qualifikationslücke lohnt, hängt nicht von einer Prozentzahl ab, sondern davon, ob dir eine Muss- oder eine Kann-Anforderung fehlt. Im Netz kursieren dazu widersprüchliche Faustregeln, die aus unterschiedlichen Ländern, Jahren und Stichproben stammen und sich gegenseitig nicht bestätigen.

Warum Muss- und Kann-Anforderungen wichtiger sind als jede Prozentzahl

Ob eine Anforderung ein Muss ist, erkennst du fast immer an der Formulierung: „zwingend erforderlich" oder „Voraussetzung ist" markiert ein Muss, „von Vorteil" oder „wünschenswert" ein Kann. Fehlt dir ein Muss-Kriterium wie eine gesetzliche Berufszulassung, ändert daran kein noch so gutes Anschreiben etwas. Fehlt dagegen nur ein Kann-Kriterium wie Erfahrung mit einem bestimmten Tool, bleibt deine Bewerbung realistisch, weil Unternehmen solche Lücken häufig über Einarbeitung ausgleichen.

Diese Unterscheidung ersetzt jede Prozentregel, weil du sie pro Kriterium und pro Anzeige triffst, statt über die gesamte Liste zu mitteln. Zwei Bewerbungen mit derselben nominalen Erfüllungsquote können für dich deshalb völlig unterschiedliche Erfolgsaussichten haben, je nachdem, welches konkrete Kriterium fehlt.

Die drei kursierenden Prozentzahlen und warum sie sich widersprechen

Keine der im Netz kursierenden Prozentregeln lässt sich unbesehen auf eine einzelne Stellenanzeige übertragen. Eine vielzitierte Analyse der Recruitingagentur Talent Works über mehr als 6.000 Stellenanzeigen und Bewerbungen aus 118 Branchen fand 2018, dass 50 % erfüllte Anforderungen statistisch dieselbe Einladungschance ergeben wie 90 %, allerdings bezogen auf den US-Arbeitsmarkt ohne veröffentlichtes Erhebungsjahr der Rohdaten Business Insider: Studie zu Stellenanzeigen. Häufiger noch zitiert wird eine 60-Prozent-Zahl aus einem Harvard-Business-Review-Artikel von 2014, wonach Männer sich schon bei 60 % erfüllter Anforderungen bewerben, Frauen erst bei 100 %. Der Artikel selbst nennt dafür keine Primärquelle und keine Methodik. Sie geht auf einen internen Hewlett-Packard-Bericht zurück und ist eine oft wiederholte Anekdote, keine belegte Studie.

Eine dritte, aktuellere Zahl misst etwas anderes. In einer internationalen Indeed-Studie von 2024 mit 9.671 Jobsuchenden in sechs Ländern gaben 33 % der deutschen Befragten an, die Anforderungen in Stellenanzeigen für überzogen zu halten. Sie bewarben sich deshalb erst gar nicht Personalwirtschaft: Bewerbende kritisieren überzogene Erwartungen. Das ist eine Selbstwahrnehmung, keine gemessene Erfolgsquote. Sie beantwortet damit eine andere Frage als die ersten beiden Zahlen.

Wie du eine Anzeige ohne Prozentregel prüfst

Ein Muss-Kann-Check pro Anzeige ersetzt jede pauschale Prozentregel zuverlässiger. Geh die Anforderungsliste einmal durch und frage bei jedem Punkt, ob er gesetzlich, vertraglich oder sicherheitsrelevant zwingend ist, etwa eine staatliche Zulassung, ein Meisterbrief oder ein bestimmtes Sprachniveau bei Kundenkontakt: Das sind fast immer Muss-Kriterien, unabhängig von der Formulierung. Alles, was sich auf ein einzelnes Tool, ein Zusatzzertifikat oder Erfahrungsjahre über einem Mindestmaß bezieht, zählt eher zu den Kann-Kriterien und lässt sich häufig durch Einarbeitung ausgleichen, ein Aspekt, der auch beim Vergleich von Skills gegenüber formalem Abschluss eine Rolle spielt. Diese Prüfung pro Kriterium ist der Kern einer evidenzbasierten Bewerbung: Du entscheidest anhand konkreter Fakten aus der Anzeige, nicht anhand eines pauschalen Prozentwerts.

Genauso wichtig ist der Blick auf die Anzeige als Ganzes. Wirkt die Liste selbst unrealistisch lang oder widersprüchlich formuliert, lohnt sich zusätzlich ein Blick auf mögliche Warnsignale in der Stellenanzeige, bevor überhaupt die Frage nach Muss und Kann relevant wird. Den vollständigen Per-Posting-Check mit Beispielen aus mehreren Branchen beschreibt der Artikel Muss oder Kann? Bewerben trotz fehlender Anforderungen im Detail.

Häufige Fragen

Wie viel Prozent der Anforderungen muss ich für eine Bewerbung erfüllen?

Es gibt keine verlässliche pauschale Prozentzahl. Eine vielzitierte Talent-Works-Analyse über mehr als 6.000 Stellenanzeigen aus 118 Branchen fand 2018 statistisch dieselbe Einladungschance bei 50 % und 90 % erfüllter Anforderungen Business Insider, ein Branchendurchschnitt aus dem US-Markt, keine Garantie für eine einzelne Anzeige. Entscheidend sind für dich die konkreten Muss-Kriterien, nicht die Gesamtquote.

Stimmt es, dass Männer sich schon bei einer geringeren Erfüllungsquote bewerben als Frauen?

Diese Zahl ist eine oft zitierte Anekdote, keine belegte Studie. Sie stammt aus einem internen Hewlett-Packard-Bericht ohne veröffentlichte Methodik, den Tara Sophia Mohr 2014 in einem Harvard-Business-Review-Artikel ohne Primärquellen-Nachweis aufgriff. Als plausible Beobachtung lesbar, nicht als geprüfte Prozentregel.

Woran erkenne ich, ob eine Anforderung ein Muss oder ein Kann ist?

Am zuverlässigsten an der Formulierung und am rechtlichen Kontext. Formulierungen wie „zwingend erforderlich" oder „Voraussetzung ist" sowie gesetzlich vorgeschriebene Zulassungen, Meisterbriefe oder Führerscheinklassen sind fast immer ein Muss. „Von Vorteil", „wünschenswert" oder einzelne Tool-Kenntnisse über einem Mindestmaß zählen in der Regel zu den Kann-Kriterien.

Lohnt sich eine Bewerbung, wenn ich nicht alle Qualifikationen mitbringe?

In den meisten Fällen ja, sofern du die echten Muss-Kriterien erfüllst. Eine internationale Indeed-Studie von 2024 fand, dass 33 % der deutschen Befragten Anforderungen in Stellenanzeigen als überzogen empfinden und sich deshalb gar nicht erst bewerben, obwohl ihre Qualifikation reichen könnte Personalwirtschaft. Fehlende Kann-Kriterien lassen sich oft ausgleichen, fehlende Muss-Kriterien kaum.

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